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Präses: Einsatz von Atomwaffen darf keine Denkoption sein
Engagierte Diskussion über die Friedensdenkschrift der EKD
Essen, 02.07.2026. Richtungsstreit in der Kirche – „kriegstüchtig oder friedenslogisch?“ In einer sehr gut besuchten Marktkirche diskutierten der rheinische Präses Dr. Thorsten Latzel, Militärdekan Dr. Roger Mielke und die Co-Vorsitzende der IPPNW Dr. Angelika Claußen am Donnerstagabend (02.07.) über die umstrittene Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Moderation hatte Christoph Fleischmann von der Leserinitiative Publik-Forum.
INTERESSE AN FRIEDENSDENKSCHRIFT IST GROSS
Über 100 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten sich an diesem Abend in der vollbesetzten Marktkirche eingefunden, nicht wenige kamen von außerhalb Essens – ein Zeichen für das große Interesse an der aktuellen Diskussion über die EKD-Friedensdenkschrift.
Nach der Begrüßung durch die Veranstalter (Pfarrer Uwe Matysik für den Kirchenkreis Essen und Dr. Ulrich Krüger für die Essener Regionalgruppe der IPPNW) führte Moderator Christoph Fleischmann, Redakteur bei Publik-Forum, zunächst kurze Einzelinterviews mit den drei Podiumsgästen. Eine moderierte Diskussion auf dem Podium schloss sich an, bevor am Ende Raum für Beiträge und Fragen aus dem Publikum war.
LATZEL: BERGPREDIGT BIETET GRUNDSÄTZLICHE ORIENTIERUNG
Thorsten Latzel führte aus, dass es tatsächlich nicht nur um Verteidigungs-, sondern auch um Friedensfähigkeit und Friedenskompetenz gehen müsse, sowie um die Fähigkeit zu versöhnen. Gleichzeitig betonte der Präses, dass er die neue EKD-Friedensdenkschrift von November 2025 grundsätzlich an wesentlichen Stellen befürworte. Sie trage der realen Bedrohungslage durch Russland Rechnung. Darauf müsse sich auch Deutschland einstellen – 0und zwar nicht „kriegstüchtig“, aber „verteidigungstüchtig“ werden.
Auf die Frage, ob die Evangelische Kirche nicht klarere Positionen einnehmen und wieder Teil der Friedensbewegung werden solle, sagte Thorsten Latzel, dass die Kirche immer auch eine Friedensbewegung sei, was er mit verschiedenen Hinweisen verband; etwa, dass die christliche Friedensbotschaft in jedem Gottesdienst den Rahmen setze. Auch die Bergpredigt habe für politische Fragen weiter große Relevanz und liefere eine grundsätzliche Orientierung.
Konkrete Entscheidungen könnten zwar nur von den politisch Verantwortlichen getroffen werden. Da Atomwaffen aber generell ein „existentielles Risiko“ seien und ihr Einsatz „keine Denkoption“ sein dürfe, müssten alle Anstrengungen in Richtung einer Reduzierung von Massenvernichtungsmitteln verstärkt werden.
CLAUSSEN: WUNSCH NACH EIGENSTÄNDIGERER POSITION DER KIRCHE
Dr. Angelika Claußen, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie in Bielefeld und Co-Vorsitzende im Vorstand der IPPNW, sagte, dass in allen Planspielen des Westens die reale Wirkung von Kriegen unterschätzt werde. Das ökumenische Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall gehe von der Vorstellung aus, dass ein möglicher Krieg und seine Folgen beherrschbar seien – eine ihrer Meinung nach völlig irrige Annahme. Darum könne es nur darum gehen, jetzt alles zu tun, was einen Krieg im Vorfeld verhindert. Von der Kirche wünsche sie sich daher eine viel kritischere und eigenständigere Position.
Da das ökumenische Rahmenkonzept auch beinhalte, dass im Krisenfall Entscheidungen entsprechend der dann gesetzten Hierarchie durch Stabsarbeit getroffen werde – d.h. Befehle vom Militär kämen –, bedeute dies eine „Unterwerfung“ der Kirche unter die dann gegebene Befehlsstruktur.
Zudem sei es bedeutsam, diplomatische Kanale aufrecht zu halten und auch zu nutzen. Die Politik müsse im Unterschied zur aktuellen Regierungspolitik nicht auf Eskalation, sondern auf den diplomatischen Dialog, wann immer möglich auch mit Russland, setzen. Dafür biete sich durch den Rückzug der USA aus Europa womöglich eine neue Option, die dann auch genutzt werden solle.
MIELKE: GERECHTER FRIEDEN MUSS LEITBILD SEIN
Militärdekan Dr. Roger Mielke, Koblenz, begrüßte die neue EKD-Friedensdenkschrift grundsätzlich. Sie trage der realen Bedrohung Europas durch Russland Rechnung. Aus eigener Anschauung wisse er, dass eine Modernisierung der Ausrüstung der Bundeswehr unausweichlich sei. Als junger Mann sei er in den Achtzigerjahren auch mit der Friedensbewegung verbunden gewesen. Aber die Lage habe sich verändert. Heute gelte es, das westliche Gesellschaftsmodell mit den Komponenten Freiheit, Vielfalt und Demokratie zu verteidigen.
Ihm biete das Leitbild des „gerechten Friedens“ nach wie vor eine maßgebende Orientierung. Immer wieder gäbe es auch Dilemmasituationen: das als „gut“ Erkannte sei eben nicht immer auch das „Richtige“. So sei es heute „richtig“, die geplante Aufrüstung der Bundeswehr in Angriff zu nehmen. Um die wertvollen Errungenschaften des demokratischen Systems Deutschlands und des Westens zu verteidigen, seien die Kosten dafür auch nicht zu hoch, sondern tatsächlich in Kauf zu nehmen.
DIE VERANSTALTER
Eingeladen zur Podiumsdiskussion hatten der Kirchenkreis Essen; die Essener Regionalgruppe der internationalen Friedensorganisation für Menschen im Gesundheitswesen (IPPNW – Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzt*innen in sozialer Verantwortung e.V.); die Leserinitiative Publik–Forum e.V. und die Evangelische Akademie im Rheinland.
Unser Titelbild zeigt von li.n.re. Christoph Fleischmann (Moderation), Militärdekan Dr. Roger Miele, Präses Dr. Thorsten Latzel, Dr. Angelika Claußen von der IPPNW, Präses-Referentin Kathinka Brunotte, Pfarrer und Krankenhausseelsorger Uwe Matysik und Dr. Ulrich Krüger von der Essener Regionalgruppe der IPPNW. Foto: Kirchenkreis Essen/Alexandra Roth.
