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Gott hautnah
Tattoo-Aktion in der Marktkirche
TEXT: THOMAS RÜNKER/BISTUM ESSEN
Essen, 24.11.2025. Bei der Aktion „Gott hautnah“ sind am vergangenen Samstag dutzende Tattoos mit christlichen Motiven entstanden. Gut 30 Menschen wurden tätowiert, 135 hatten bereits vorab ihr Interesse an dem ungewöhnlichen Angebot signalisiert. Zahleiche Gespräche offenbarten berührende Geschichten hinter der Körperkunst in der Marktkirche.
„Auuuaaa!“ Als Yvonne Karbach am Samstagnachmittag in der Essener Marktkirche ihre Tätowiermaschine wie einen dicken Stift neben Ahalyas Handgelenk ansetzt, braucht die 22-jährige Studentin doch Mamas tröstende Hand. „Ich bin ziemlich schmerzempfindlich“, hatte die junge Frau zuvor angekündigt. Auch die Tätowiererin hatte bestätigt, dass die Stelle an der unteren Innenseite des Arms besonders sensibel sei. Obwohl es dort also besonders schmerzt, möchte Ahalya das Flügelpaar mit dem stilisierten Fisch genau dort tätowiert bekommen, „damit ich es immer sehe“. Das kleine Haut-Kunstwerk soll sie daran erinnern, „dass ich loslassen kann und darauf vertraue, dass Gott dann übernimmt“.
135 VORAB-BEWERBUNGEN FÜR 15 TÄTOWIER-TERMINE
Die Studentin ist eine von gut 30 Menschen, die sich an diesem Samstag bei der ökumenischen Aktion „Gott hautnah“ ein christliches Symbol auf den Arm stechen lassen. Damit sind Karbach vom Essener Studio Cocoon Tattoo und die zweite Tätowiererin Leila Mias den ganzen Tag über gut beschäftigt. Dabei hätten sie heute wohl auch fünf- bis zehnmal so viel Leute in der Kirche tätowieren können, so groß ist der Andrang. 135 Menschen hatten sich vorab mit ihren persönlichen Glaubensgeschichten um einen von 15 kostenlosen Tätowier-Terminen beworben, berichtet Bernd Wolharn von der Cityseelsorge „grüßgott“ am Essener Dom, der gemeinsam mit Marktkirchenpfarrer Jan Vicari die Idee von Dirk Bußler (Zukunftswerkstatt Essen) aufgegriffen hat, christliche Tattoos in einem Gotteshaus anzubieten.
„Die Menschen haben uns unglaublich bewegende Geschichten geschickt“, berichtet Wolharn. Zum Beispiel Geschichten von Trauernden, die sich mit einem Tattoo an einen verstorbenen Partner erinnern möchten, oder über besondere Gotteserfahrungen, wie sie Ahalya geschildert hat: Ihr habe nach einer gescheiterten Partnerschaft das Gespräch mit Seelsorgenden und das Gebet zu Gott geholfen, sich von ihrem Ex-Freund zu lösen – eben loszulassen, wie es nun ihr Tattoo symbolisiert.
BÜRGERMEISTERIN LÄSST SICH SPONTAN TÄTOWIEREN
15 weitere Menschen konnten sich am Samstag spontan tätowieren lassen. Zu den Glücklichen zählte die Essener Bürgermeisterin Julia Klewin (SPD): „Ich habe heute Morgen im Radio von der Aktion gehört und bin einfach hierhergefahren.“ Ein Zettel mit ihrem Namen kam wie der aller anderen Interessierten in eine Schale, aus der diejenigen gezogen wurden, die sich dann eines der 30 vorgegebenen Tattoo-Motive auswählen und direkt stechen lassen konnten.
Die begrenzte Auswahl hat vor allem logistische Gründe: An den improvisierten – und öffentlichen – Tätowierarbeitsplätzen in der Marktkirche können nur Arme tätowiert werden. Und weil die Zeit nicht für großflächige Werke reicht, gibt es maximal Zwei-Euro-Stück-große Motive, die die Tätowiererinnen zudem nicht frei aus der Hand malen, sondern nach Vorlage mit Kugelschreiber vorzeichnen.
Dennoch ist die Auswahl groß: Von verschiedenen Kreuzen über Herzen, „Alpha und Omega“-Symbole, Friedenstauben, Schafe, stilisierte Fische bis hin zur Bibel reicht die Palette. Nach rund einer Viertelstunde ziert ein kombiniertes Bild aus Anker, Herz und Kreuz Klewins Arm: „Das steht für Hoffnung, Liebe und Glaube und erinnert mich an meinen Konfirmationsspruch: ,Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.‘“
Tätowiererin Karbach – selbst Christin – findet, dass christliche Tattoos Halt geben können. „Gerade beim Glauben kann man schnell ins Schlingern geraten. Da ist es gut, wenn man etwas hat, das man nicht einfach wegwischen kann. Etwas, das mir sagt: Auch wenn ich gerade von Gott weggehe, werde ich getragen, bleibt Gott an meiner Seite.“
Auch wenn man beim Tätowieren viel Zeit miteinander verbringe, seien Glaubensthemen bei ihrer Arbeit bislang eher kaum zur Sprache gekommen, sagt Karbach. Erst seit sie für das Projekt „Gott hautnah“ werbe, kämen zum Teil langjährige Kundinnen und Kunden und offenbarten sich auch als Christinnen und Christen. „Dann haben wir plötzlich ganz andere Gesprächsthemen.“
ZEICHEN DER BESTÄNDIGKEIT IM GLAUBEN
Wenn Mias und sie ihre Werke vollenden und die neuen Kunstwerke für die erste Zeit unter einer Schicht Klarsichtfolie verpacken, können sich Frisch-Tätowierte, die mögen, von den beiden Seelsorgern segnen lassen. Vom Andrang des „Gott hautnah“-Aktionstags sind Wolharn und Vicari überrascht, erfreut und inspiriert: Die Kirchen seien gut darin, Anfänge, besondere Stationen im Leben und Abschiede zu gestalten, sagen die Seelsorger.
Aber vielleicht bräuchten manche Menschen zwischendurch auch Zeichen der Beständigkeit im Glauben, wie eben ein Tattoo – darüber wollen die beiden Cityseelsorger zusammen mit den vielen Partnerinnen und Partnern in ihren Kirchen weiter nachdenken. Und wenn sie dabei neue christliche Veranstaltungen entwickeln, die weniger schmerzhaft sind als ein Tattoo, ist Ahalya vielleicht auch wieder mit dabei. (tr)
INFO: CHRISTLICHE TÄTOWIERUNGEN HABEN EINE LANGE TRADITION
Tätowierungen haben im Christentum – wie in vielen anderen Weltreligionen und -kulturen eine Jahrtausende alte Geschichte. Darauf weist unter anderem der Limburger Theologe Paul-Henri Campbell in seinem Buch „Tattoo & Religion: Die bunten Kathedralen des Selbst“ (Verlag Das Wunderhorn, ISBN: 978-3-88423-606-2) hin. In einem Interview mit katholisch.de beschreibt Campbell einige Hintergründe; wir haben den Artikel unten auf dieser Seite verlinkt.
Zum Interview mit Paul-Henri Campbell auf katholisch.de »
